Unser Sternenhimmel als Kulturgut

Beitrag von Andy Beggerow, Biologie-Masterstudent an der Universität Greifswald, & Tobias Röwf


 

Flutlichter im Stadion oder auf dem Flughafen, beleuchtete Gebäude, Reklametafeln, Autoscheinwerfer oder Handylampen - künstliches Licht ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Beleuchtete Hausnummern sind wichtig für Rettungskräfte oder Paketzusteller und Straßenlaternen geben uns teilweise Sicherheit.

 

Jedoch entsteht durch zu viel und ungünstig genutztes Licht die sogenannte Lichtverschmutzung, d.h. neben den negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur gibt es eine Aufhellung des Nachthimmels mit all seinen abertausend Sternen, Nebeln, Kometen, Planeten und Galaxien. Mit dem bloßen Auge wären aus jeder Stadt Europas ohne Kunstlicht etwa 3.000 - 4.000 Sterne zu sehen. In kleineren Städten sind es heute bei günstigen Bedingungen nur noch um die 200. In Metropolregionen können wir sogar nur einige Dutzend wahrnehmen. Die magisch-funkelnden Sterne unserer Milchstraße und die einzige Nachbargalaxie (Andromeda in 2,5 Millionen Lichtjahren Entfernung) verschwinden hinter einem Schleier aus künstlichem Licht.

 

Mit diesem Artikel möchten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, für das spannende Thema künstliche Beleuchtung sensibilisieren und mögliche Wege aufzeigen.

 

Während früher der hohe Kostenfaktor die künstliche Beleuchtung auf "natürlichem" Wege eingrenzte, so scheinen wir heute, nach der Einführung von kostengünstigen und in großen Mengen verfügbaren LED-Beleuchtungen, auf dem Wege zu 24-Stunden-Sonnentagen das ganze Jahr über!

 

 

Dabei haben wir der Beobachtung des Sternenhimmels so manches zu verdanken. Einige Kulturen richteten sich in ihren landwirtschaftlichen Aktivitäten nach einigen wichtigen Objekten des Nachthimmels, wie z.B. Sirius oder dem Sibengestirn (Plejaden). Die Navigation nach den Sternen war auf See lange ein Mittel, um sich auch nachts zu orientieren. Auch heute noch gehört das zur Ausbildung von Nautikern. Durch Beobachtungen und Berechnungen wurden Anfang des 17. Jahrhunderts die elliptischen Bahnen der Planeten von Johannes Kepler entdeckt und damit hat sich unser Verständnis vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild  verändert.

 

Mithilfe astronomischer Kenntnisse haben wir eine große Fülle von Informationen über unsere anderen Planeten, durch Sonden ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erlangt. Diese Sonden hätten vermutlich nicht, wie heute, zusätzlich die Grenze unseres Sonnensystems erreicht. Falls doch, wäre die Auswertung der Daten vermutlich anders abgelaufen, da wir durch bisherige Kenntnisse eine bestimmte Vorstellung von unserem Universum hatten. Erst durch diese Informationen gelangen viele Raumfahrtmissionen und zukünftige können mit ihrer Hilfe geplant werden. Die Nacht und der Sternenhimmel sind immer wieder beliebte Motive für Kunst und Musik.

 

 

Unser Sternenhimmel ist ebenso ein Schauplatz vieler Geschichten und Sagen. Eine der bekanntesten dürfte vermutlich die Rettung der Prinzessin Andromeda durch Perseus und Pegasus sein. Aber wer kennt die anderen Geschichten? Zum Beispiel die, des Jägers Orion und der Plejaden? Die Fahrt der Argonauten auf dem Schiff "Argo", die auch die Sternbilder Widder, Zwillinge, Herakles und andere beinhaltete? Diese Beispiele gelten für den bei uns gebräuchlichen griechischen Sagenkreis. Andere Kulturen anderer Kontinente haben wiederum ganz andere Geschichten, welche sie mit dem Himmel verbanden. Für diese Fülle von Mythen benötigt man weder ein Buch, noch Elektronik und dieses nächtliche Lexikon der Sagen kann so oft zu Rate gezogen werden, wie der Himmel wolkenfrei ist. In unserer heutigen Zeit laufen wir Gefahr, dieses Lexikon nicht mehr lesen zu können, weil es zu hell ist. Außerdem verringert sich die Zahl derer, die die Geschichten kennen und weitererzählen können. Dabei können sie insbesondere für Kinder spannend sein und helfen, die Welt zu ergründen.

 

 

Damit sind wir beim nächsten Punkt angelangt:

 

Der von einem wirklich dunklen Platz aus beobachtete Nachthimmel regt die Fantasie von groß und klein an und beflügelt den menschlichen Geist. Unser Sternenhimmel kann ein Spiegel für unser Selbst sein. Unser Kulturgut Sternenhimmel uns helfen, mit den Herausforderungen unserer heutigen Zeit und mit anderen Dingen umzugehen. Unser Sternenhimmel kann uns auch gänzlich neue Perspektiven eröffnen, wie manche Autoren in dem Buch "Let there be Night" (in Anlehnung "Es werde Nacht") von Paul Bogard beschreiben.

 

So eine Erfahrung des intensiven Beobachtens und Reflektierens kann den weiteren Lebensweg des Menschen verändern: Einer der Autoren dieses Textes, Andy Beggerow, selbst wäre vermutlich heute noch nicht im Greifswalder Sternwarte e.V. tätig, wenn er nicht vor einigen Jahren einen faszinierenden Nachthimmel etliche Kilometer nördlich von Stralsund beobachtet hätte. Für den Autor Tobias Röwf waren die frühen Aha-Momente das Buch "Nachts am Fernrohr" von Kaus Ullerich und der Besuch im Potsdamer Planetarium; später dann das Physikstudium in Greifswald, wo er auf Vereinsgründer Prof. Holger Kersten traf.

 

Wir müssen uns bewusst machen, dass jede zukünftige Generation und die jetzigen Kinder und Jugendlichen all dies ohne weiteres so nie erfahren können: die ursprünglichsten (Sinnes-)Erfahrungen, die zu unserer natürlichen Umgebung gehören. Das wir in den ländlichen Räumen Mecklenburg-Vorpommerns noch vergleichsweise sehr viele Himmelsobjekte sehen können, ist ein wunderschöner Vorteil gegenüber mancher Metropolregion. Unser dunkle Nachthimmel stellt aber genau genommen immer noch keinen natürlichen Nachthimmel dar. Den gibt es in ganz Europa nur noch in wenigen sehr gering besiedelten Flächen im äußersten Osten, Norden und auf großen Meeren weit entfernt von jeglicher Lichtquelle.

 

Daher freuen wir uns als Verein über die Einrichtung des Sternenparks Mecklenburger Parkland bei Dalwitz in der Nähe von Rostock und im Naturpark Nossentiner / Schwinder Heide. Nach der Einrichtung des ersten Sternenparks in Deutschland, dem Sternenpark Westhavelland bei Rathenow (ca. 80 km von Berlin, vgl. auch), oder des Sternenparks in der Rhön sind dies sinnvolle Maßnahme für den Erhalt der Dunkelheit unseres Kulturguts Sternenhimmel.

 

In den Zeiten vor der öffentlichen Beleuchtung konnte man aus jeder Stadt und von jedem Feld den faszinierenden Anblick von tausenden Sternen, Nebeln und anderen Dingen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Ob dieser Zustand noch einmal erreicht wird, bleibt fraglich. Wir können viel tun, jeder einzelne für sich, um dem Trend zu immer mehr Licht in der Nacht entgegenzuwirken.

 

 

Besonders in der Vergangenheit hat der Sternenhimmel unser Kultur stark geprägt, wie man aus den oberen Abschnitten entnehmen kann. Auch den einzelnen Menschen, als kleinen Teil der Kultur, kann er prägen. Der Sternenhimmel ist ein Kulturgut im großen und kleinen Maßstab. Heute wird die beleuchtete Nachtkultur der Städte jedoch oftmals als wichtiger angesehen.

 

Aber warum wird heute ein wichtiger Teil der Jahrtausende alten Nachtkultur vernachlässigt, ausgerechnet dieser, der nicht die Menschen und ihre Sozialgefüge in den Vordergrund stellt? Warum opfern wir ausgerechnet die Nachtkultur, die Platz für die Person an sich lässt? Ist es, weil wir in unserer Zeit die Schönheit, die Geschichten und die Bedeutung für den Geist und das Leben zu wenig wertschätzen? Oder liegt es vielmehr nur an uns, weil wir zu wenig Zeit und Raum für uns lassen?

 

Jetzt sind Sie gefragt - wie würden Sie diese Fragen für sich beantworten?


 

Helfen Sie mit, ein großes "Stück" Natur, und nichts anderes ist der (dunkle) Sternenhimmel, zu erhalten - für die Kinder und zukünftigen Generationen!

 


Ja, ich will einen dunklen und klaren Sternenhimmel.

 

Wo kann ich mich informieren und was kann ich tun?

 

Finden Sie, zusammen mit Ihrem Partner, Ihren Kindern und Enkelkindern oder z.B. mit Ihrem Grundstücksnachbarn in gemütlicher Runde, die passende Antworten auf folgende Beispielfragen:

 

- "Wie achtsam sind im Umgang mit der Natur?",

 

- "Brauchen wir das Licht überhaupt?

Müssen wir für einen geschlossenen Supermarkt das große Werbebanner angeschaltet lassen, obwohl dort um 3:45 Uhr doch keiner einkaufen kann?

 

- "Wie viel Licht und in welcher Qualität brauchen wir es?",

 

- "Wo können wir unser Licht ausschalten, abschatten oder dimmen?",

Ungewöhnliche, aber interessante Ideen als Ergänzung:

 

a) Pflanzen Sie Hecken, Büsche und Bäume, um das Ausbreiten von Licht auf natürlich Art zu unterbinden und um Tieren Unterschlupf zu gewähren.

 

b) Stellen Sie Insektenhotels auf, so können sich für Vögel lebenswichtige Insekten vermehren oder Wildbienen können diese als Unterschlupf nutzen. Sie besitzen so Ihren eigenen Naturpark inmitten in der Großstadt ;-)!

 

- "Welche LED-Lichtfarben und welche nach unten strahlenden Lampentypen werden von den Experten empfohlen?"

 

- "Wie können wir mit weniger Licht eine bessere Beleuchtung erreichen?"

Beispielsweise ist eine Beleuchtung von Gebäuden von oben nach unten ökonomisch effektiver.

 

Informieren Sie sich über die rechtlichen Grundlagen Ihrer Gemeinde oder Stadt, um zu erfahren, ob diese eine Lichtsatzung besitzt oder in Kürze erlassen wird. Wenn ja, was beinhaltet diese Lichtsatzung für Ihr Wohn- oder Gewerbegebiet? Was wäre, wenn Ihre gerade teuer erworbene Designerlampe für den Hauseingangsbereich in Ihrem Bundesland verboten ist und das Ordnungsamt bei Ihnen an der Tür klingelt? Beispielsweise ist der Einsatz von Skybeamern / Himmelsbeleuchter und Himmelsfeuerwerken streng reglementiert und genehmigungspflichtig.

 

Informieren Sie sich auf den Landesregierungsportalen, wie z.B. hier in MV.

 

Schauen Sie auf Seiten der Vereinigung der Sternfreunde "DARK SYK - Inititative gegen Lichtverschmutzung" oder machen Sie mit, bei den jährlichen Veranstaltungen zur WWF Earth Hour und zum Tag der Astronomie. Wie heißt das Motto der Vereinigung der Sternfreude (VdS) so schön?

 

"Licht aus, Sterne an!"

 

Ihr Andy Beggerow * & Tobias Röwf

- Greifswald, im Mai 2019 -

 

* Das Thema meiner Masterarbeit lautet: "Lichtverschmutzung als moralisches Übel. Wie und unter welchen Voraussetzungen kann man schlüssig gegen Lichtverschmutzung argumentieren?"


Bildquellen (Wir danken der Europäischen Raumraumorganisation ESA für das Bereitstellen der Bilder.)

 

Abb. 1: http://www.esa.int/var/esa/storage/images/esa_multimedia/images/2016/11/waving_at_europe/16497908-1-eng-GB/Waving_at_Europe_node_full_image_2.jpg

 

Abb. 2: http://www.esa.int/var/esa/storage/images/esa_multimedia/images/2015/12/liftoff_of_vega_vv06_carrying_lisa_pathfinder3/15712883-2-eng-

GB/Liftoff_of_Vega_VV06_carrying_LISA_Pathfinder_node_full_image_2.jpg

 

Abb. 3: http://www.esa.int/var/esa/storage/images/esa_multimedia/images/2018/04/gaia_s_sky_in_colour2/17475368-10-eng-GB/Gaia_s_sky_in_colour_node_full_image_2.jpg